- Research Article
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- 10.14765/zzf.dok-1765
- Jul 3, 2020
- Zeithistorische Forschungen
- Andreas Fickers
»[…] wenn ›die Quelle‹ die Reliquie historischen Arbeitens ist – nicht nur Uberbleibsel, sondern auch Objekt wissenschaftlicher Verehrung –, dann ware analog ›das Archiv‹ die Kirche der Geschichtswissenschaft, in der die heiligen Handlungen des Suchens, Findens, Entdeckens und Erforschens vollzogen werden.« Achim Landwehr wirft in seinem geschichtstheoretischen Essay den Historikern ihren »Quellenglauben« vor – diese Kritik liese sich im digitalen Zeitalter leicht auf die Heilsversprechen der Apostel der »Big Data Revolution« ubertragen. Zwar regen sich mittlerweile vermehrt Stimmen, die den »Wahnwitz« der digitalen Utopie in Frage stellen, doch wird der offentliche Diskurs weiterhin von jener Revolutionsrhetorik dominiert, die standardmasig als Begleitmusik neuer Technologien ertont. Statt in der intellektuell wenig fruchtbaren Dichotomie von Gegnern und Befurwortern, »First Movers« und Ignoranten zu verharren, welche die Landschaft der »Digital Humanities« ein wenig uberspitzt auch heute noch kennzeichnet, ist das Ziel dieses Beitrages eine praxeologische Reflexion, die den Einfluss von digitalen Infrastrukturen, digitalen Werkzeugen und digitalen »Quellen« auf die Praxis historischen Arbeitens zeigen mochte. Ausgehend von der These, dass ebenjene digitalen Infrastrukturen, Werkzeuge und »Quellen« heute einen zentralen Einfluss darauf haben, wie wir Geschichte denken, erforschen und erzahlen, pladiert der Beitrag fur ein »Update« der klassischen Hermeneutik in der Geschichtswissenschaft. Die kritische Reflexion uber die konstitutive Rolle des Digitalen in der Konstruktion und Vermittlung historischen Wissens ist nicht nur eine Frage epistemologischer Dringlichkeit, sondern zentraler Bestandteil der Selbstverstandigung eines Faches, dessen Anspruch als Wissenschaft sich auf die Methoden der Quellenkritik grundet.
- Research Article
- 10.14765/zzf.dok-1520
- Sep 15, 2019
- Zeithistorische Forschungen
- Justin Collings + 3 more
Fur diese Debatte haben wir vier prominenten Vertreter*innen beider Disziplinen, der Rechts- und der Geschichtswissenschaft, schriftlich Fragen zur Situation, zum Potential und zu den Herausforderungen einer Zeitgeschichte des Rechts gestellt. Wie verhalt sich die Rechtsgeschichte zur »allgemeinen« Geschichtswissenschaft in Deutschland? Woher ruhrt das ausgepragte disziplinare Selbstbewusstsein der juristischen Rechtshistoriker*innen, und sollten Allgemeinhistoriker*innen dem etwas entgegensetzen? Worin sehen Sie die »grosen Themen« und methodischen Trends der aktuellen rechtshistorischen Forschung, besonders der Juristischen Zeitgeschichte in der Bundesrepublik? Wieviel Theorie und Methodik braucht die Rechtsgeschichte? Wo sehen Sie Potential fur neue Perspektiven, und inwieweit sollte eine zeitgemase Rechtsgeschichte uber den nationalen Rahmen hinausgehen? Welche Chancen, welche Grenzen sehen Sie fur die interdisziplinare Zusammenarbeit von Jurist*innen und Historiker*innen?
- Research Article
- 10.14765/zzf.dok-1337
- Jun 7, 2019
- Zeithistorische Forschungen
- Dennis Jelonnek
Seit dem Ende der 1960er-Jahre lieferte der für seine Sofortbildkameras und -filme bekannte US-amerikanische Fotografiehersteller Polaroid Apparate nach Südafrika, die zur effizienten Erstellung von Ausweisdokumenten für die schwarze Bevölkerung dienen konnten. Besonders in der Firmenzentrale in Massachusetts löste dies den Protest schwarzer Mitarbeiter/innen aus (Polaroid Revolutionary Workers Movement, PRWM). Die Fallstudie untersucht einige Pamphlete und Flugblätter, die sich elaborierter Manipulationen von Fotografien und einer aufrüttelnden Bildsprache bedienten. Die Bewegung setzte das Medium Fotografie gegen den Sofortbildhersteller ein, um diesen mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Der Streit um den US-amerikanischen Handel mit Südafrika gelangte bis ins Repräsentantenhaus. Die Darstellung der Bild- und Konfliktgeschichte ermöglicht es zugleich, einen breiteren Blick auf die Genese und die konkrete historische Situation der ausweisbasierten Kontrollmechanismen im Apartheidstaat Südafrika zu richten. Der tatsächliche Einsatz der Polaroid-Technik für Überwachungszwecke lässt sich nicht eindeutig ermitteln, und der Protest hatte insofern Erfolg, als das Unternehmen seine Lieferungen nach Südafrika Ende der 1970er-Jahre stoppte.
- Research Article
- 10.14765/zzf.dok.4.1181
- Nov 7, 2018
- Zeithistorische Forschungen
- Till Kössler
Gewalt an Schulen wird regelmasig skandalisiert und erscheint oftmals als Symptom einer allgemeinen Verrohung von Gesellschaft. Demgegenuber haben viele Historiker/innen gerade die Schule in das Zentrum einer Zivilisierungsgeschichte der westdeutschen Gesellschaft seit 1945 gestellt. Der Beitrag nimmt diesen Deutungswiderspruch zum Ausgangspunkt einer Analyse schulischer Gewalt zwischen den fruhen 1970er-Jahren und der Jahrtausendwende. Vorgeschlagen wird eine neue Lesart, die den Gegensatz der konkurrierenden Thesen von Gewaltzunahme und Gewaltabnahme aufhebt und stattdessen die sich wandelnden Vorstellungen dessen untersucht, was »Gewalt« eigentlich sei und wie sie uberwunden werden konne. Seit den 1970er-Jahren mehrten sich die Arten von Gewalt, die mit Schule in Verbindung gebracht wurden. Eine Sensibilisierung gegenuber sehr unterschiedlichen Gewaltphanomenen war verbunden mit neuen Anspruchen an Schule und schulische Kommunikation – Erwartungen, die von Lehrer/innen und Eltern als Fortschritt erfahren werden konnten, aber auch als Zumutung und Uberforderung.
- Research Article
- 10.14765/zzf.dok.4.1188
- Nov 7, 2018
- Zeithistorische Forschungen
- Roland Eckert + 2 more
Im Februar 2016 fand in der Alice Salomon Hochschule Berlin ein Symposion statt zum Thema »25 Jahre Gewaltpravention im vereinten Deutschland – Bestandsaufnahme und Perspektiven«, das von den Veranstaltern Stephan Vos und Erich Marks auf uber 1.000 Seiten dokumentiert worden ist. Das Symposion hat gezeigt, dass der Gedanke der Gewaltpravention sich mittlerweile hochprofessionell auf zahllose Kontexte ausdifferenziert hat, in denen Menschen leben und handeln. »25 Jahre Gewaltpravention«, dieser Titel deutet auf den Januar 1990 hin, als der einstimmig verabschiedete Endbericht der »Unabhangigen Regierungskommission zur Verhinderung und Bekampfung von Gewalt« nach zweijahriger Arbeit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl ubergeben wurde. Doch weder die fachliche Arbeit in der Kommission noch die Bereitschaft der politischen Akteure zur starkeren Berucksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse bei politischen Entscheidungen konnten verhindern, dass der eigentliche Anlass fur die Einsetzung der Kommission in dem vorgelegten Bericht nur noch eine untergeordnete Rolle spielte. Durch die aktuelle politische Agenda des Jahres 1990 gerieten die Empfehlungen weitgehend aus dem Blick. Im Abstand von fast 30 Jahren lohnt es sich, den Kommissionsbericht als Quelle der bundesdeutschen Gewaltgeschichte und der Bemuhungen um eine Verminderung von Gewalt zu lesen. Dies geschieht im Folgenden aus soziologischer Perspektive, jedoch in der Hoffnung, auch der Geschichtswissenschaft Impulse zur Beschaftigung mit solchen Dokumenten zu geben.
- Research Article
- 10.14765/zzf.dok.4.1137
- Apr 11, 2018
- Zeithistorische Forschungen
- Andreas Fickers
Im Mai 2017 wurde im Brüsseler Leopoldpark, im Zentrum des Europaviertels, das Haus der europäischen Geschichte eröffnet. Zehn Jahre nach seiner Initiierung durch den damaligen Präsidenten des Europäischen Parlaments, den deutschen CDU-Politiker Hans-Gert Pöttering, erwartet den Besucher eine Ausstellung, die als geradezu idealtypische Inkarnation EU-europäischer Kompromisslogik gedeutet werden kann. Seit Pötterings Idee, einen Ort zu schaffen, »der unsere Erinnerung an die europäische Geschichte und das europäische Einigungswerk gemeinsam pflegt und zugleich offen ist für die weitere Gestaltung der Identität Europas durch alle jetzigen und künftigen Bürger der Europäischen Union«, wurde über die inhaltliche wie gestalterische Ausrichtung des »Hauses« (das sich bewusst nicht als »Museum« bezeichnet) heftig debattiert.
- Research Article
- 10.14765/zzf.dok.4.1072
- Nov 15, 2017
- Zeithistorische Forschungen
- Bret Edwards
Die Ausdehnung der Aeromobilitat. Der Massenflugverkehr und seine sozial-okologischen Effekte im Kanada der 1970er-Jahre Dieser Aufsatz untersucht fur Kanada in den 1970er-Jahren die gesteigerte Ausdehnung der Aeromobilitat, verstanden als Gesamtheit der sozialen und okologischen Wirkungen der Luftfahrt fur Menschen, Orte und Dinge. Die Expansion des Flugverkehrs war vornehmlich ein Resultat des staatlich geforderten Aus- und Neubaus von Flughafen – mit gravierenden Effekten fur Gesellschaften und Landschaften im jeweiligen Einzugsgebiet. Zwar hing der Anstieg des Flugverkehrs auch mit generellen Trends der Nachkriegszeit zusammen, doch verstarkten die kanadische Regierung und ihre Partner dies noch durch verschiedene Strategien, die sich im Untersuchungszeitraum anderten. Zugleich blieb diese Politik nicht unbeobachtet und nicht unumstritten. Offentliche Kritik richtete sich vor allem gegen Grosflughafen in der Nahe dicht besiedelter Gebiete. So zeigt der Aufsatz, dass in Kanada stark gegensatzliche Sichtweisen zu der Frage vertreten wurden, wie man die Anforderungen des Massenflugverkehrs mit den naturlichen und gebauten Umwelten intelligent verbinden konne.
- Research Article
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- 10.14765/zzf.dok.4.969
- Aug 15, 2017
- Zeithistorische Forschungen
- Rüdiger Bergien
From the mid-1960s onward, the security authorities of the highly industrialized societies introduced electronic data processing (EDP). From today’s perspective this might look like the first step on the path to increased governmental data-gathering and surveillance. However, from the perspective of the authorities themselves in the 1970s and 1980s, their computerization was an ambivalent process, accompanied by growing uncertainty. The article analyses the connection between computerization and organizational change in regard to the West German Federal Criminal Police Office and the East German Ministry of State Security. The comparison focuses on the conflicts that arose from the question of whether EDP should be organized centrally or in a decentralized manner. In addition, the study examines the change of staffing profiles, of information processing and knowledge production. Finally, it considers the extent to which the particular political system influenced the computerization of the security authorities. The dynamic of institutional expansion and ›can-do‹ mindsets in terms of technological advances was in fact very similar in East and West. * * * Seit Mitte der 1960er-Jahre führten die Sicherheitsbehörden der hochindustrialisierten Gesellschaften die elektronische Datenverarbeitung (EDV) ein. Was aus heutiger Perspektive als Beginn eines geradlinigen Wegs in die gesteigerte staatliche Datensammlung und Überwachung erscheinen könnte, erweist sich aus der Innensicht der betroffenen Behörden der 1970er- und 1980er-Jahre als offener, mit wachsender Unsicherheit einhergehender Prozess. Für das westdeutsche Bundeskriminalamt (BKA) und das Ministerium für Staatssicherheit der DDR untersucht der Aufsatz den Zusammenhang von Computerisierung und Organisationswandel. Im Mittelpunkt des Vergleichs stehen die Konflikte, die sich aus der Frage ergaben, ob die EDV zentral oder dezentral organisiert sein sollte. Untersucht werden auch der Wandel der Personalprofile, der Informationsverarbeitung und der Wissensproduktion. Zudem wird gefragt, in welchem Maße das jeweilige politische System die EDV-Anwendungen im Sicherheitsbereich beeinflusste. Die Eigendynamik der institutionellen Expansion und des technischen Machbarkeitsdenkens war in West und Ost durchaus ähnlich.
- Research Article
- 10.14765/zzf.dok.4.967
- Aug 15, 2017
- Zeithistorische Forschungen
- Norman Domeier
»I have a confession to make, Chief, but please don’t get a shock.« Mit diesen Worten beginnt ein 40-seitiger, fur die transnationale Geschichte des Nationalsozialismus bedeutsamer Bericht von Willy Brandt an Louis P. Lochner aus dem Jahr 1946. Nicht der spatere Bundeskanzler, sondern Willy Erwin Hermann Brandt, Geschaftsfuhrer der Associated Press GmbH bis Ende 1941, beschrieb darin seinem fruheren Vorgesetzten Lochner, dem Chef-Korrespondenten der Associated Press (AP) in Deutschland, die Zusammenarbeit von AP und NS-Regime in den Jahren 1942–1945. Der bisher in der Forschung unbekannte, auf schlechtem Durchdruckpapier verfasste Report in Lochners Nachlass in Madison/Wisconsin mutet wie ein Agenten-Thriller an: Demzufolge tauschte die amerikanische Nachrichtenagentur von 1942 bis zum Fruhjahr 1945 mit einer geheimen Agentur von SS und Auswartigem Amt in Berlin, dem »Buro Laux«, standig Fotomaterial aus...
- Research Article
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- 10.14765/zzf.dok.4.971
- Aug 15, 2017
- Zeithistorische Forschungen
- Philipp Dorestal
Als Malia Obama, die damals 11-jahrige Tochter des US-amerikanischen Prasidenten, 2009 ihre Eltern mit ungeglattetem Haar nach Rom begleitete, ahnte sie wohl nicht, dass diese Frisur immer noch zum Politikum werden konnte. Einige Kommentatoren auf der konservativen Website »Free Republic« monierten, das Madchen sei ungeeignet, die USA zu reprasentieren, und machten dies an ihrem Hairstyle fest. Selbst wenn solche Stimmen marginal blieben, rekurrierten sie auf bekannte Diskurse, die den Natural Hairstyle, auch bekannt unter dem Namen Afro, ahnlich wie schon in den 1950er- und 1960er-Jahren erneut mit Ungepflegtheit assoziierten...